Balz Hösly: Seien Sie rebellisch

Diplom-Ansprache an die Master- und Bachelor-Absolventen der zhaw vom 28. August 2019.

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Liebe Diplomandinnen und Diplomanden

Sehr geehrte Supporterinnen und Supporter

Nach intensiven Studienjahren an einer Hochschule diplomiert zu werden, ist ein bisschen wie heiraten. Es gibt ein Happy End aber das, worauf es wirklich ankommt, steht noch bevor. Wenn Ihnen die Analogie einer Hochzeit nicht so sehr gefällt, dann können Sie Ihre jetzige Situation auch mit einem Zitat von Winston Churchill gut umschreiben: «This is not the end. This not even the beginning of the end. But it is, perhaps, the end of the beginning.»

Sie werden heute mit dem Master- oder Bachelortitel für Ihre grosse Arbeit belohnt. Das ist ein grosser Grund zur Freude und auch zum Aufatmen und ich gratuliere Ihnen von Herzen zu diesem wichtigen Schritt in Ihrem Leben. Sie sind jetzt Juristen. Ich hoffe aber sehr, dass Sie sich im Laufe Ihres Studiums nicht nur juristisches Wissen angeeignet haben, sondern sich auch ein paar Gedanken über den Stellenwert des Rechtes in der heutigen Gesellschaft gemacht haben. Als rechtlich ausgebildete Diplomandinnen und Diplomanden gelten Sie in den Augen der Öffentlichkeit heute auch als Fachpersonen und wissen Bescheid über das Recht als einen der Grundpfeiler des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Ihre Meinung wird gefragt sein. Jede und jeder von Ihnen trägt mit seiner oder ihrer Meinung mit zur Qualität dieses Grundpfeilers bei. Ihre Meinung - Ihre persönliche und unabhängige Meinung – ist nötig und stärkt eines der höchsten Güter der modernen Zivilisation, nämlich den Rechtsstaat mit einer unabhängigen Justiz. Nicht ohne Grund versuchen heute totalitäre oder autokratische Regimes und Regierungen immer, die Justiz und damit den Rechtsstaat an die Kandare zu nehmen und ihrem Willen unterzuordnen und damit ihre politische Klientel oder sich selbst juristisch zu bevorteilen. Genau dies geschieht heute in Ländern wie Venezuela oder in Mittelamerika, aber auch in Polen oder Ungarn und manchmal spüren wir Tendenzen davon sogar hier in der Schweiz, wie zum Beispiel die Kommentare über das jüngste Urteil des Bundesgerichtes zur Herausgabe von Kundendaten der UBS an Frankreich zeigt. Von Ihnen und Ihrem juristischen Wissen und Gewissen erwartet die Gesellschaft nun, dass Sie als Fachleute Flagge zeigen und immer und jederzeit der Geltung des Rechts, der «rule of law», der Gewaltenteilung im Rechtsstaat sowie der Unabhängigkeit der Justiz gegenüber jedermann aktiv zum Durchbruch verhelfen.

Sie haben eine tolle und spannende Ausbildung hinter sich. Sie dürfen sich ab heute als Fachpersonen im Wirtschaftsrecht bezeichnen. Ihre nächsten Schritte sollen sie nun auch beruflich weiter entwickeln von Personen zu Persönlichkeiten. Es geht dabei um die Prägung ihrer individuellen Eigenart. In der Praxis heisst das, dass Sie das jetzt von Ihnen erworbene allgemeine Wissen mit individueller Erfahrung und Weisheit ergänzen. Es sind Persönlichkeiten, die unsere Gesellschaft prägen. Persönlichkeiten sind individuell und massgeschneidert und nicht konforme und standardisierte Massenmenschen. Sie haben die Chance – und im Hinblick auf Ihre ganz persönliche Wettbewerbsfähigkeit auch die Notwendigkeit - individuell und damit kreativ und innovativ sein zu können. Zu dieser kreativen und innovativen Ergänzung Ihres heutigen Wissens mit zukünftiger Erfahrung und Weisheit möchte ich Ihnen fünf Tipps mit auf den Weg geben, die Sie mit grösster Wahrscheinlichkeit während Ihrer Ausbildung nicht angetroffen haben, aber die mich in meinem Berufsleben geprägt haben.

Tipp 1: Schiessen Sie nicht sofort. Seien Sie sich immer bewusst, dass eine rechtliche Stellungnahme eine Situation oft verhärten kann. Wenn ich als Anwalt einmal einen Brief an die Gegenpartei geschrieben habe, dann beginnen sich die Beteiligten meist argumentativ einzugraben. Ich betätige mich deshalb immer wieder auch als Ghost Writer für meine Klienten. Versuchen Sie deshalb, immer zuerst eine Situation einvernehmlich und möglichst unjuristisch zu klären, bevor Sie Ihren rechtlichen Revolver zücken. In dem Augenblick, in dem Sie beginnen, aufs Recht zu pochen, eröffnen Sie eine juristische Auseinandersetzung. Damit verengen Sie aber oft auch – und oft unnötig früh - Ihren Verhandlungsspielraum. «The law is like an elephant – once it has entered the room, it is very hard to ignore». Es lohnt sich manchmal, rechtlich zunächst etwas zurückhaltend zu sein und zu versuchen, einvernehmliche Lösungen zu schmieden. Mit diesen können Sie einen grösseren Spielraum ausschöpfen, als er Ihnen bei einer rein rechtlichen Auseinandersetzung zur Verfügung steht.

Der zweite Tipp, den ich Ihnen zum Eintritt ins Berufsleben geben möchte, heisst: «Seien Sie rebellisch». Rebellisch meine ich hier im Sinne von «nicht systemkonform» oder «bewusst anders denkend». Eine Unternehmung stellt Sie an, weil sie möchte, dass Sie sie weiterbringen. Sie möchte Ihre Meinung hören und sie möchte Ihre Gedanken, Ihren Rat zu einer Situation wissen. Ich wurde einmal als Präsident des Verwaltungsrates von einem Geschäftsleitungsmitglied der Gesellschaft angerufen. Der Mann fragte mich im Wesentlichen «Was wollen Sie denn von mir zu diesem Thema an der nächsten Verwaltungsratssitzung hören?» Die Antwort war einfach: «Ihre Meinung! Wir haben Sie nicht angestellt, weil ich von Ihnen das hören möchte, was ich denke. So könnte ich Ihren Job auch selbst tun. Wir haben Sie angestellt, weil ich Ihre persönliche Meinung hören will, weil der Verwaltungsrat Ihre Gedanken zum Problem kennen lernen möchte und nicht damit Sie uns das auftischen, was wir bereits wissen.» Der pointierte Apple-Chef Steve Jobs hat einmal gesagt: «It doesn’t make sense to hire smart people and tell them what to do; we hire smart people so they can tell us what to do». Bilden Sie sich also zu den Herausforderungen in Ihrem Berufsleben eine eigene Meinung und stehen Sie dazu. Wenn diese nicht die gleiche ist, wie die Meinung Ihrer Teamkollegen oder Vorgesetzten, dann gibt es bei einer guten Unternehmens- und Führungskultur eine konstruktive Auseinandersetzung, nach der man sich auf einem höheren und innovativen Level wiederfindet. Letztlich gewinnen die Unternehmen im Wettbewerb, die Personen beschäftigen, die innovative und disruptive Ideen haben. Wenn ich heute ein Unternehmen analysiere, schaue ich immer als erstes darauf, mit was für Personen sich der CEO oder der Geschäftsführer umgibt. Sind es eigenständige Leute mit eigener Meinung oder sind es Abnicker und Schulterklopfer? Ein nachhaltig erfolgreiches Unternehmen mit einer «Ja-Sager-Kultur» habe ich jedenfalls bis anhin noch nicht gefunden…

Die dritte Einsicht, die ich Ihnen mitgeben möchte, heisst: Werden Sie Teil der Lösung und nicht des Problems. Der Schlüssel dazu heisst: «Assess the situation, not the problem.» Im Gegensatz zu vielen westlichen Medizinern schauen die indischen Ayurveda-Ärzte den körperlichen Zustand gesamthaft an. Sie kurieren nicht einzelne Krankheitssymptome (Pillen gegen Kopfweh), sondern Sie versuchen, den Körper in eine optimale Balance zu bringen, um seine Selbstregenerationskräfte zu aktivieren und optimieren. Gleiches gilt für gekonnte juristische Lösungen. Vermeiden Sie die Google-Falle, die ich bei unseren jungen Juristen leider nur allzu oft antreffe. Springen Sie nicht gleich sofort auf das offensichtliche Problem und glauben Sie vor allem nicht jedem Klienten oder Kunden, der Ihnen sagt, was das Problem ist. Es zahlt sich aus, die berühmte «de quoi s’agit-il»-Frage zu stellen. Begreifen Sie zuerst, worum es wirklich geht: bemühen Sie sich, das Geschäftsmodell und wirklichen – vor allem auch die emotionalen - Bedürfnisse ihres Kunden, den Wettbewerb, die Kultur, die Positionierung eines Unternehmens kennen zu lernen und dann erst das Problem zu verorten. So stärken Sie ganz nebenbei übrigens auch Ihre zentrale Fähigkeit des ganzheitlichen Denkens, die Sie heute und noch viel mehr in der Zukunft, von Maschinen mit künstlicher Intelligenz unterscheidet. Wenn Sie anders rum vorgehen, riskieren Sie, am Schluss nicht Teil der Lösung und deshalb auch ersetzbar zu sein, weil Sie Teil des Problems bleiben.

Der vierte Tipp heisst: «Let other people shine». Mein erster Auftrag als junger Manager bei der Winterthur Versicherung war, das Personalreglement zu überarbeiten. Nachdem ich die Arbeit erledigt hatte, wollte sie mein damaliger Chef an der Geschäftsleitungssitzung präsentieren. Der oberste Personalchef der Gruppe hat daraufhin interveniert. Er hat meinen Vorgesetzten veranlasst, mir die Präsentation meiner Arbeit zu überlassen und ich konnte – oder vielmehr musste – mit etwas schlotternden Knien das neue Personalreglement präsentieren. Damit stieg aber sofort auch meine Reputation im Departement und ich wurde mit anspruchsvollen Aufgaben betraut. Hätte mein Chef präsentiert, wäre ich ein Name auf einer Liste geblieben. Diese Erfahrung hat mich geprägt: Ich habe mich in meinem Berufsleben stets bemüht, Kollegen oder später auch Mitarbeitenden, die etwas geleistet haben, nie vor der Sonne zu stehen. Lassen Sie deshalb denjenigen Personen den Vortritt, welche gute Arbeit geleistet haben. Sie werden stets geachtet sein, wenn Sie Erfolge und Kompetenz von anderen respektieren oder später einmal als Vorgesetzte oder Teamleader Ihre fähigen Leute in den Vordergrund stellen. Und nicht zuletzt ist Wertschätzung für andere immer auch karrierefördernd.

Der letzte und fünfte Tipp, den ich Ihnen geben möchte, heisst: Nicht kommunizieren, sondern interagieren. Es ist uns allen ja bewusst, dass wir im Zeitalter der digitalen Kommunikation leben. Nichts geht mehr ohne Smartphone und E-Mail und die Kommunikation war noch nie so schnell wie heute. Trotzdem: keine elektronische Kommunikation kann das persönliche Gespräch ersetzen – nur das persönliche Gespräch baut Vertrauen und Respekt auf. Lesen Sie gelegentlich einmal eines der simpelsten, aber besten Bücher, die je über Personalführung und Unternehmenskultur geschrieben wurden. Es heisst: Der Ein-Minuten Manager und folgt einer ganz einfachen Philosophie: Nehmen Sie sich bewusst eine Minute Zeit pro Tag, um den Menschen, mit denen Sie zusammenarbeiten, in einem direkten Gespräch zu begegnen. Nehmen Sie sich eine persönliche Kommunikations-Minute Zeit, wenn Sie Kritik anbringen wollen und nehmen Sie sich eine Minute Zeit, wenn Sie jemanden loben oder jemandem danken wollen. Ich lege Ihnen ans Herz, sich an diese Ein-Minuten-Regel zu halten und der Versuchung zu widerstehen, in die virtuelle Kommunikation auszuweichen. Wir haben zum Beispiel bei uns bei MME Legal Tax Compliance die Regel etabliert, dass persönliche Kritik nicht über E-Mail ausgeübt wird und dass sofort und nur im direkten Gespräch gelobt oder getadelt werden soll. Es ist dies ein Stück Unternehmenskultur bei uns, dass Missverständnisse und Unmut vermeiden hilft und das ich nicht mehr missen möchte.

Damit, meine sehr verehrten Damen und Herren, bin ich am Ende meines Tour d’Horizon. Sie gehen jetzt hinaus in ein neues Leben, wo Ihr Wissen gefragt ist und Sie neues Wissen erwerben. Ich wünsche Ihnen aber – wie Eingangs gesagt, dass Sie nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung und vor allem Weisheit finden. Denn letztlich ist es Ihre individuelle Weisheit, die Sie zu Persönlichkeiten werden lässt. Hermann Hesse, der deutsche Dichter und Nobelpreisträger, hat ein zauberhaftes Buch geschrieben über das Mensch werden und sich selbst Finden. Das Buch heisst Siddharta und er sagt darin folgendes: «Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann auch von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht.» Ich wünsche Ihnen bei Ihren nächsten Schritten, dass Sie Ihre persönliche Weisheit Stück für Stück finden und in sich aufnehmen können – vielleicht hilft Ihnen dabei auch der eine oder andere Tipp von mir. Sie leben in einer grossartigen Zeit und Sie haben eine grossartige Ausbildung absolviert. Wenn Sie wollen, liegt ein grossartiger Weg vor Ihnen! Noch einmal gratuliere ich Ihnen und wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.

© 2019, Dr. Balz Hösly

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